Süchtig nach Stress? Wie dein Nervensystem funktioniert
Warum sich Ruhe manchmal unerträglicher anfühlt als Stress – und wie du zurückfindest.
Kennst du das? Sobald es ruhig wird, wirst du unruhig. Du füllst jede Lücke mit To-dos, Reizen, Bildschirm. Und obwohl du erschöpft bist, kommst du nicht runter.
Das ist kein Charakterfehler – und du bist nicht „zu unruhig“. Dein Nervensystem hat schlicht gelernt, dass Stress sich sicherer anfühlt als Ruhe. Warum das so ist, erklärt die Polyvagal-Theorie – und sie zeigt auch den Weg zurück.
Was ist das autonome Nervensystem?
Dein autonomes Nervensystem steuert alles, was ohne bewusstes Zutun abläuft: Herzschlag, Atmung, Verdauung – und vor allem, wie du auf Stress und Sicherheit reagierst. Es arbeitet in zwei Grundmodi: Aktivierung (Sympathikus) und Beruhigung (Parasympathikus).
Bei einem gut regulierten System wechseln sich diese Modi flüssig ab – Anspannung, dann Erholung. Bei chronischem Stress bleibt das System jedoch in Daueraktivierung „hängen“ – und genau dann fühlt sich Ruhe fremd, fast bedrohlich an.
In dieser Episode des Bergfest Podcasts sprechen wir über die Auswirkungen des Nervensystems auf unser Körperbewusstsein, insbesondere in Bezug auf Stress und wie wir darauf reagieren.
Das zentrale Thema ist die Polyvagal-Theorie, die erklärt, wie unser Nervensystem auf Bedrohungen und Stressoren reagiert und wie diese Reaktionen unsere Handlungen und Gewohnheiten beeinflussen.
Das Thema basiert auf der Polyvagal-Theorie, die 1994 zuerst entwickelt wurde und sich mit den Auswirkungen wiederkehrender Stressmuster beschäftigt.
Die Polyvagal-Theorie: die drei Zustände deines Nervensystems
Die Polyvagal-Theorie (nach Stephen Porges) beschreibt drei grundlegende Zustände, in denen dein Nervensystem sein kann. Am einfachsten stellst du sie dir wie eine Ampel vor:
🟢 Grün – Sicherheit & Verbindung
Du fühlst dich ruhig, präsent, verbunden. Dein System ist reguliert. Hier sind Erholung, Verdauung, Nähe und klares Denken möglich.
🟡 Gelb – Aktivierung & Stress (Kampf/Flucht)
Dein Sympathikus übernimmt. Du bist wach, angespannt, „unter Strom“. Kurzfristig hilfreich – dauerhaft zermürbend. Hier lebt das Gefühl, ständig funktionieren zu müssen.
🔴 Rot – Erstarrung & Rückzug (Shutdown)
Wird der Stress zu groß, schaltet das System ab: Erschöpfung, Taubheit, innerer Rückzug, „Funktionieren wie auf Autopilot“.
Der Schlüssel: Diese Zustände sind keine Entscheidungen, sondern automatische Reaktionen deines Nervensystems.
Du kannst sie nicht wegdenken – aber du kannst lernen, sie zu erkennen und zu regulieren.

Warum wir uns an Stress gewöhnen
Wenn dein System lange im Gelb war, wird Gelb zur Normalität. Ruhe (Grün) fühlt sich dann ungewohnt und unsicher an – also erzeugst du unbewusst neuen Stress, um in den vertrauten Zustand zurückzukehren. Das ist die „Sucht nach Stress“: nicht Charakter, sondern Gewöhnung.
Im Alltag zeigt sich das oft so:
- Schlaf: Du bist müde, aber „zu wach“ zum Einschlafen. Das System kommt nicht ins Grün.
- Ernährung: Zucker, Koffein und Snacks werden zu Werkzeugen, um den Aktivierungslevel zu halten.
- Training/Alltag: Immer mehr, immer schneller – Pausen fühlen sich falsch an.
Welcher Neurotransmitter-Typ steckt dahinter?
Wie leicht dein System ins Gelb kippt und wie schwer es zurück ins Grün findet, hängt auch von deiner Neurochemie ab – vor allem von GABA (Ruhe), Serotonin (Stimmung/Schlaf) und Dopamin (Antrieb).
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Für einen schnellen Einstieg: Finde deinen Neurotransmitter-Mangel – Podcastfolge.
Die vier Stressreaktionen deines Nervensystems
Wenn dein System ins Gelb oder Rot geht, zeigt sich das in vier typischen Mustern. Erkennst du deins?
- Kampf – Reizbarkeit, Druck, Kontrolle
- Flucht – Ablenkung, Rastlosigkeit, Ausweichen
- Abkopplung – Rückzug, Taubheit, Shutdown
- People Pleasing – Anpassung, Selbstaufgabe
Einen Überblick über alle vier gibt es hier: Die 4 Stressreaktionen unseres Nervensystems.
Zurück ins Grün: erste Wege zur Regulation
Die gute Nachricht: Dein Nervensystem ist trainierbar. Über den Körper – vor allem den Atem – kannst du deinem System aktiv signalisieren, dass es sicher ist:
| Tiefe Bauchatmung | der direkteste Weg in den Parasympathikus |
| Grounding | zurück in den Körper |
| Bewusste Regeneration steuern | 4 Schritte Visualisierung |
Das sind einzelne Werkzeuge. Der eigentliche Unterschied entsteht, wenn dein System lernt, verlässlich und selbstständig ins Grün zurückzufinden.
Wenn dein System mehr als Werkzeuge braucht: die Grundlagenarbeit
Einzelne Übungen helfen im Moment. Aber wenn dein Nervensystem seit Jahren im Gelb lebt, braucht es mehr als eine Atemtechnik – es braucht ein neues Fundament: Rhythmus, Halt, Regulation und Praxis über Zeit.
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Nicht über Druck, sondern über Grundlagenarbeit: zurück in den Körper, zurück ins Grün.
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Fazit
Ruhe fühlt sich unbekannt an, wenn dein Nervensystem den Stress gewohnt ist.
Das ist keine Schwäche – es ist Gewöhnung, und Gewöhnung lässt sich verändern.
Der erste Schritt ist Verstehen (diese Folge).
Der zweite ist Erkennen (welcher Zustand, welcher Typ – der Braverman-Test hilft.
Der dritte ist Praxis, die trägt – die Grundlagenarbeit in FOUNDATION.
